Klaxon Bell

Das Bücherleidlied - ein sinfonistisches Literattentat
Bùˆcherschicksale


1. Satz: Allegro Paraxylo

Ein Zufallsgriff ins Bücherregal.
Eins herausgezogen.
Shakespeare, Goethe, völlig egal -
'S wird seitenweis' gelogen.

I
Faber, Hamlet, Effi und Faust:
Es hat sie nie gegeben!
Niemanden, der wie Diogenes haust;
Sie waren nie am Leben.

So kommt der Schluss, man ahnt es schon:
Eitel ist die Fik-tion.

II
Drei Bücher steh'n aneinandergelehnt,
Erzählen von den Einen
Und jedes schildert arg ausgedehnt,
Es gäbe nur den Seinen.

Ab mit euch in den Karton!
Fort mit diesem Triptychon!

III
Wichtige Köpfe, berühmt und auch reich
Erzählen ihre Geschichten.
Widersprechen sich doch, wagt man den Vergleich,
Glaubhaft sind sie mitnichten.

"Harr, harr," Prometheus in mir lacht -
Ach nein, auch der ist ausgedacht…

IV
Und schließlich Meyer's Handlexikon:
Mehr als 13 Bände!
Und nichts als Unnutz hat man davon -
'S steht nichts drin über Hände!

Weg damit, hinfort, hinfort
Behende Hand, gereinigt Bord!


2. Satz: Andante a la Scala Led Zeppelina

Das Regal ist entleert,
Fühlt sich leicht, unbeschwert.
Nimm die Bretter heraus und mach Türen!

Wenn's von innen nichts war,
Ist das Außen doch da.
Daraus folgt, man muss anders sich zieren.


3. Satz: Regressio Sforzando Praecox

Fort, ihr Lügenbücher!
Durchschneiden, reißen, schlitzen!
Der Einband? Leinentücher!
Die Seiten: Hüte, Mützen!


4. Satz: Wiener Walzer (Menuett Apoxylo)

Geh schaun's, dieses Leiberl
War einstmals der Brehm.
Jetzt trägt ihn mein Weiberl,
Sie find's angenehm.
Und hier dieser Trakl
Kratzt nimmer so sehr
Und der Kästner als Handschuh
G'fällt mir gleich viel mehr.

I seh', Sie bestaun' es,
Gefertigt auf Mass
Is mei Jankerl, mei braunes,
Aus den Werken von Grass.
Der Heinrich der Heine
Wärmt mir nachts die Beine
Und ist Uhland a Schuh
Gibt auch Uhland a Ruh'.

(jetzt acht Takte linksherum)

Clemens Brentano,
Den alten von Kleist
Hab i drunter a no,
Trag i Wintertags meist.
Und der Schiller, was will er?
Er ist Schal. Und der Tieck?
Ist grad' no beim Schuster,
Weil i Reitstiefel krieg.

(adagio con fuoco)
Doch die ganze Moderne
Ist nicht mein Geschmack,
Allerdings trag i gerne
Aus Schnitzler mein' Frack.

(accelerando risoluto)
Roth, Zweig und Mann,
Zieh i niemals nicht an.
(ritardando maestoso)
Aber schaun's hier der Brecht
(senza dolore)
Is als Zylinder net schlecht.


5. Satz: Rondo Vindiziano

Doch der Besuch war kluch genuch,
Entdeckte Tuch als Luch und Truch,
D'rauf mitleidsvoll die Tür zuschluch,
Sitzt bald im Zuch und liest ein Buch.

Vorhang.